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Nelson Mandela wäre heute 100 Jahre alt geworden. Große Persönlichkeiten werfen wie starke Marken einen langen Schatten. Sie wirken nach.

 

Die Vision des Nelson Mandela

 

Mandela hatte die Vision eines geeinten, demokratischen Südafrika, frei von Rassismus. Er verbrachte siebenundzwanzig Jahre als politischer Gefangener in Haft. 1964 wurde Nelson Mandela nach Robben Island gebracht. Die karge Insel wurde seit dem 16. Jahrhundert als Sträflingskolonie benutzt; sie war berüchtigt, und es kursierten grausame Geschichten. Der Wind pfiff oft eiskalt über die Felsen. Niemandem war jemals die Flucht gelungen. Die wenigen, die es versucht hatten, waren in der starken Strömung rund um die Insel jämmerlich ertrunken.

 

Das Leben auf Robben Island war hart und monoton. Unter der Woche mussten die Gefangenen Schwerstarbeit im Steinbruch leisten. Zu essen gab es Maisbrei. Mandela und die anderen ANC-Führer wurden als hochrangige politische Gefangene fernab der anderen Häftlinge auf der Isolierstation untergebracht. Den Staatsfeinden sollte in ihrer Isolation endgültig das Rückgrat gebrochen werden − allen voran Mandela, der schillerndsten Figur des ANC.

 

Mandela resignierte nicht, im Gegenteil: Er setzte sich für die Rechte der Häftlinge ein − beharrlich und bestimmt. Er erkannte, dass die Wärter der Schlüssel zum Erfolg waren, behandelte sie immer höflich und hatte stets ein freundliches Wort für sie übrig. Dadurch verschaffte er sich Respekt und wurde gehört. Über die Jahre konnte er so etliche Verbesserungen durchsetzen, zum Beispiel besseres Essen und bessere Kleidung sowie das Recht auf Bildung.  Mandela lehnte eine vorzeitige Begnadigung ab, weil er dann mit seinen Grundsätzen und Überzeugungen hätte brechen müssen.

 

Andere wären an einer so langen Haft zerbrochen. Als Mandela 1990 aus dem Gefängnis entlassen wurde, leitete er in einer Rede vor 120.000 Zuhörern in einem Stadion in Soweto öffentlich seine Politik der Versöhnung ein. Er forderte alle Menschen zur Mitarbeit an einem nicht-rassistischen, geeinten und demokratischen Südafrika auf. Der Rest ist Geschichte.

 

Visionen haben nichts mit geistigen Verirrungen zu tun, die einer medizinischen Behandlung bedürfen. Visionen, also große Ziele, sind notwendig – für Menschen wie für Marken. Sie helfen Menschen, auch dann dranzubleiben, wenn ihnen der Wind heftig ins Gesicht weht. Wie sagte Bertha Benz in ihren Memoiren: „Mein Traum ist länger als die Nacht.“

 

Große Visionen geben die Richtung vor und spornen zur Höchstleistung an.

 

Als Reinhold Messner sich zum Ziel nahm, das erste Mal ohne Sauerstoffmaske den Mount Everest zu besteigen, war dies zwar ein großes Ziel, aber er war kein Hasardeur. Vielmehr hatte er Respekt vor dem Berg. Er kannte die Mühen und Schmerzen, die er auf sich nehmen musste, um Erfolg zu haben. Deshalb ließ er sich mit einem Helikopter zur Spitze des Mount Everest fliegen und öffnete dort die Tür, um zu prüfen, ob das Atmen in dieser Höhe ohne Sauerstoffmaske möglich ist. Messner hatte seine Ziele immer klar vor Augen und tat alles, um sie auch zu realisieren. War eine Vision realisiert, entwickelte er die nächste. Nach der Besteigung aller Achttausender waren dies die Durchquerung der Wüste Gobi oder der Antarktis. Ist eine Vision erreicht, muss die nächste her.

 

Bei Marken ist es im Kern nicht anders. Unternehmensmarken brauchen einen Zweck, an dem sie sich orientieren können. Zudem ist es auch hier wichtig, dass sich die Mitarbeiter an Werten und Grundsätzen orientieren können. Das gibt Halt. Eine Vision spornt hingegen an und bündelt die Kräfte auf ein gemeinsames Ziel.

 

Gerade in Zeiten des Wandels, in Zeiten grundlegender Veränderungen durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, ist das Hinterfragen des Wertegerüstes eines Unternehmens und das Setzen einer ehrgeizigen Vision grundlegend für den Unternehmenserfolg. Es schafft den notwendigen Zusammenhalt und die Ausrichtung der gemeinsamen Anstrengungen auf ein großes, inspirierendes Ziel und setzt dadurch Kräfte im Unternehmen frei.

 

Auszug aus dem Buch „Identität: Das Rückgrat starker Marken“


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Prof. Dr. Franz-Rudolf Esch
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Identität: Das Rückgrat starker Marken (2016)
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Identität: Das Rückgrat starker Marken (2016)